20. März 2026

Gleichstellung beginnt bei den Wechseljahren – Was Unternehmen von der Deutschen Bundesbank lernen können

Gleichstellung und Wechseljahre – zwei Begriffe, die in den meisten Unternehmen noch nie gemeinsam gedacht wurden. Dabei betrifft die hormonelle Umstellung in der Lebensmitte Millionen berufstätiger Frauen. Sie gehören zu den am besten ausgebildeten Fachkräften, sind erfahren, gut vernetzt und tragen Verantwortung. Und genau in dieser Phase ihrer Karriere werden viele von ihnen durch Symptome ausgebremst, die weder sie selbst noch ihr Arbeitgeber richtig einordnen können.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Vor 15 Jahren arbeitete ich in der Führungsetage eines Sozialunternehmens und litt unter hormonell bedingten Beschwerden – Kopfschmerzen, bleierne Müdigkeit, Konzentrationsprobleme. Meine Beiträge in Konferenzen trug ich, im Gegensatz zu meinen männlichen Kollegen, unter erschwerten Bedingungen vor. Heute weiß ich: Das war kein Mindset-Problem. Das war Biochemie.

Meine Vision ist deshalb klar: Frauen sollen die gleichen Berufs- und Karrierechancen wie Männer haben. Hormonelle Beschwerden dürfen keine Karrierebremse sein. Dass dieses Umdenken auch in großen Institutionen möglich ist, zeigt ein Beispiel, das mich besonders stolz macht: Im November 2025 durfte ich ein zweitägiges Seminar für die Gleichstellungsbeauftragten der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main durchführen.

Gleichstellung und Wechseljahre – ein übersehener Zusammenhang

Wenn wir über Gleichstellung sprechen, denken die meisten an Elternzeit, Gehaltsunterschiede oder den Frauenanteil in Führungspositionen. Das sind wichtige Themen. Doch es gibt eine Phase im Leben von Frauen, die in kaum einer Gleichstellungsstrategie vorkommt: die Wechseljahre. Dabei betrifft die Perimenopause – die hormonelle Umstellungsphase, die bei den meisten Frauen zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr beginnt – im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Lebensjahre.

Was viele nicht wissen: Hormone sind Botenstoffe, die nahezu alle Vorgänge im Körper steuern. Jede einzelne Körperzelle hat Hormonrezeptoren. Wenn sich die Spiegel von Östrogen und Progesteron verändern, hat das Auswirkungen auf Energie, Schlaf, Stress, Stoffwechsel und Emotionen. Neuere Erhebungen identifizieren mittlerweile über 100 verschiedene Symptome, die mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden – weit mehr als die lange Zeit zitierten 34. Rund 80 Prozent der Frauen leiden an Hitzewallungen, während 70 Prozent zusätzlich depressive Verstimmungen, Schlafstörungen und Gedächtnisprobleme haben.

Aktuell leben in Deutschland 11,5 Millionen Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Sie sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Bis 2030 wird ein Viertel der weiblichen Weltbevölkerung in dieser Altersspanne sein. Das sind keine peinlichen Privatprobleme einer kleinen Minderheit – das ist ein strukturelles Thema, das die gesamte Arbeitswelt betrifft.

Was die MenoSupport-Studie 2024 zeigt – Zahlen, die aufrütteln

Die MenoSupport-Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin ist die erste deutschlandweite Befragung zum Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz. 2.119 Frauen wurden zu ihren Erfahrungen im Arbeitskontext befragt. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass es hier nicht nur um Hitzewallungen geht:

78,1 Prozent der Befragten fühlen sich durch körperliche und geistige Erschöpfung am Arbeitsplatz beeinträchtigt. Es folgen Schlafstörungen mit 65,8 Prozent, Reizbarkeit mit 53,6 Prozent, depressive Verstimmungen mit 46,3 Prozent und Wallungen mit 44,8 Prozent. 74,3 Prozent geben an, sich schlechter konzentrieren zu können, und 73,8 Prozent fühlen sich gestresster als zuvor.

Die beruflichen Konsequenzen sind alarmierend: Knapp jede vierte befragte Frau hat aufgrund von Wechseljahresbeschwerden bereits ihre Arbeitsstunden reduziert. Bei den über 55-Jährigen plant fast jede fünfte Frau, früher in Rente zu gehen. 5,4 Prozent haben eine Beförderung ausgeschlagen. Und über die Hälfte der Befragten fühlt sich mit dem Thema am Arbeitsplatz alleingelassen.

Hochgerechnet auf die deutsche Volkswirtschaft bedeutet das: 9,4 Milliarden Euro Kosten und 40 Millionen verlorene Arbeitstage – jedes Jahr. Vor dem Hintergrund des gravierenden Fachkräftemangels, unter dem laut ifo-Konjunkturumfrage mehr als ein Drittel der Unternehmen in Deutschland leidet, ist das ein wirtschaftliches Problem, das sich kein Arbeitgeber mehr leisten kann.

Welche wirtschaftlichen Folgen haben Wechseljahre am Arbeitsplatz?

Wechseljahresbeschwerden führen nachweislich zu erhöhten Fehlzeiten, Präsentismus, Stundenreduzierung und Frühverrentung. Die MenoSupport-Studie 2024 beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden auf jährlich 9,4 Milliarden Euro und 40 Millionen verlorene Arbeitstage. Betroffene sind keine Randgruppe: 11,5 Millionen Frauen in Deutschland befinden sich im relevanten Alter. Arbeitgeber, die diese Frauen verlieren, verlieren gleichzeitig jahrzehntelange Expertise und Fachkompetenz.

Praxisbeispiel Deutsche Bundesbank – Gleichstellung und Wechseljahre konkret umgesetzt

Im November 2025 habe ich ein zweitägiges Seminar für die Gleichstellungsbeauftragten der verschiedenen Standorte der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main durchgeführt. Der offizielle Seminartitel: „Wechseljahre als relevanter Faktor für Unternehmen – strukturelle Benachteiligung erkennen und Wandel gestalten.“

Dieses Seminar war kein einzelner Impulsvortrag, sondern ein intensiver Arbeitsprozess in 11 Modulen über zwei volle Tage. Am ersten Tag stand der Perspektivwechsel im Mittelpunkt: Warum sind Wechseljahre ein Arbeits- und Gleichstellungsthema? Die Teilnehmerinnen arbeiteten mit internen Daten der Bundesbank – darunter der Frauenanteil am Stammpersonal – und lernten die MenoMATRIX kennen, ein systemisches Analysemodell, das Wechseljahre auf drei Ebenen betrachtet: physisch (Energie, Schlaf, Körperreaktionen), psychisch (Stress, Konzentration, Emotionen) und sozio-affektiv (Teamkommunikation, Führung, Stigma).

Ein zentrales Prinzip des Seminars: Wechseljahre nicht als individuelles Defizit verstehen, sondern die Wechselwirkung zwischen individuellem Verhalten und organisationalen Verhältnissen analysieren. Die Gleichstellungsbeauftragten identifizierten standortspezifische Belastungsmuster – von der hohen Meetingdichte in der Zentrale über Temperatur- und Schichtprobleme in der Bargeldlogistik bis hin zur fehlenden Awareness im gesamten Haus.

Am zweiten Tag ging es von der Erkenntnis in die Praxis: Die Teilnehmerinnen entwickelten einen konkreten Fahrplan für eine menopausefreundliche Bundesbank. Dazu gehörten ein erster Leitfaden-Entwurf mit klaren Verantwortlichkeiten, die Bestimmung von Pilotbereichen und ein Übergabekonzept an die HR-Abteilung. Auch die rechtliche Dimension kam zur Sprache: Das AGG (Allgemeine Gleichstellungsgesetz) schützt vor Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, und Benachteiligung aufgrund von Wechseljahressymptomen kann unter geschlechtsbezogene Diskriminierung fallen. Arbeitgeber tragen hier eine strukturelle Verantwortung.

Was dieses Beispiel für andere Organisationen bedeutet: Wenn eine Institution wie die Deutsche Bundesbank – mit einer großen Anzahl an weiblichen Beschäftigten, hohen Qualitätsanforderungen und strengem Formalismus – Wechseljahre als strategisches Gleichstellungsthema anerkennt und systematisch angeht, dann hat dies eine Vorreiterfunktion für andere Unternehmen.

Was Arbeitgeber jetzt tun können – konkrete Maßnahmen

Die MenoSupport-Studie hat auch gefragt, welche Unterstützungsmaßnahmen Frauen als hilfreich empfinden. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Lücke zwischen Wunsch und Realität:

An erster Stelle steht die Sensibilisierung von Führungskräften (76,4 % wünschen sich das – nur 4,4 % haben es). Es folgen die Etablierung einer wechseljahresfreundlichen Arbeitskultur (73,2 % vs. 4,2 %), flexible Arbeitszeitmodelle (72,8 %), Sensibilisierung der Mitarbeitenden (71,7 %) und offene Kommunikation (71,6 %).

Was können Unternehmen konkret tun? Der Weg beginnt mit einer Situationsanalyse: Wie viele Frauen im relevanten Alter beschäftigt das Unternehmen? Welche Arbeitsbedingungen verstärken möglicherweise Symptome? Darauf folgt die Sensibilisierung von Führungskräften und Mitarbeitenden, eine Bedarfsanalyse gemeinsam mit betroffenen Frauen und schließlich die Entwicklung, Umsetzung und Evaluation konkreter Maßnahmen.

Ein wirksamer erster Schritt sind Vorträge, Seminare und Workshops, wie ich sie neben der Deutschen Bundesbank auch für die KfW-Bank, das Bayerische Staatsministerium, das Bundeszentralamt für Steuern, die Polizei Baden-Württemberg, mehrere Universitäten und zahlreiche weitere Organisationen durchführe. Sie schaffen Bewusstsein, liefern Fakten und ermöglichen den Einstieg in eine nachhaltige Veränderung.

Fazit: Gleichstellung ist nicht vollständig, solange Wechseljahre ignoriert werden

Wechseljahre sind kein Privatproblem und kein Nischenthema. Sie betreffen fast jede berufstätige Frau und damit auch jedes Unternehmen. Wer Gleichstellung ernst meint, muss die hormonelle Lebensmitte von Frauen mitdenken – mit konkreten Strukturen, sensibilisierter Führung und einer offenen Arbeitskultur.

Die Deutsche Bundesbank hat mit ihrem zweitägigen Seminar für die Gleichstellungsbeauftragten aller Standorte einen mutigen und vorbildlichen Schritt getan. Am 18. Oktober 2024 wurde das Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz auch erstmals im Deutschen Bundestag debattiert. Die Richtung stimmt. Jetzt ist es an den Unternehmen, Gleichstellungsbeauftragten und Führungskräften, dieses Thema in die eigene Organisation zu tragen.

Wechseljahre sind kein Karriereknick, sondern ein Weckruf. Zeit, auf die Hormone zu hören – und auf die Frauen, die davon betroffen sind.

Sie sind Gleichstellungsbeauftragte, HR-Verantwortliche oder Führungskraft und möchten Ihre Organisation wechseljahresfreundlich aufstellen? Ich biete Vorträge, Seminare, Workshops und Beratung für Unternehmen an – zugeschnitten auf Ihre Strukturen und Bedarfe.

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